Stille: Wenn die Stimme versagt…

Zeit für Stille

Unsere Welt ist voller Worte. Geräuschvoll verschaffen wir uns Gehör. Ja, manchmal möchte man meinen, wir würden ohne Unterlass plappern, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Wir haben gelernt, den Raum mit möglichst viel Smalltalk zu füllen, um nur ja keine unangenehme Stille zu erzeugen.

Aber ist Stille wirklich so schlimm? Lässt sie uns tatsächlich als asozial erscheinen?

Ende der Worte

Seit einigen Tagen plagt mich eine Kehlkopfentzündung. Ich hatte letzte Woche etwas Halsweh und fühlte mich schlapp. Nichts Weltbewegendes, dachte ich, ignorierte mit viel Ibuprofen die Zeichen meines Körpers und machte weiter wie bisher.
Sieben Tage später folgte Quittung: Ich wachte auf und brachte keinen Pieps mehr über die Lippen.

Sendepause, Stille.

Wie soll ich mich bloß mitteilen?! Leichte Panik ergriff mich. Vor allem, da ich weiß, wie langwierig so eine Kehlkopfentzündung ist und wie sehr man aufpassen muss, dass die Stimmprobleme nicht chronisch werden.
Einen Besuch beim Arzt später war klar, dass ich drastisch auf die Bremse treten muss(te). Zehn Tage Antibiotika, Ruhe, Stimme schonen. Wenn da eine Stimme wäre…

Stille in der Außenwahrnehmung

Meine ersten Eindrücke als Stumme beim Hundespaziergang waren nicht positiv. Reagiert man nur mit höflicher Mimik und Gestik auf ein Gegenüber, dass einen mit Hunde-Bla-Bla vollzutexten versucht, erntet man Unverständnis: Ich steige nicht auf die Perlen der Hundeerziehung meines Gegenübers ein, die ich sowieso fast immer mistig finde, ich unterstütze keine Ereiferungen, die mir sowieso immer zuwider sind.
Ich sehe die Ablehnung in den Augen meines Gegenübers, bemerke das Kopfschütteln. Sei’s drum! Ich kenne diesen Hundemenschen nicht, der kann von mir denken, was er will. Ich will es auch gar nicht jedem Fremden recht machen und dabei meine eigenen Prinzipien über Bord werfen.

Etwas schwieriger gestaltet es sich mit den Nachbarn, denen ich ein deutlich mit den Lippen geformtes „Hallo“ entgegen bringe und geschäftig an ihnen vorbei eile. Mittlerweile habe ich nämlich gemerkt, dass mein Umfeld es nicht ganz glauben kann, dass da keine Worte aus mir rauskommen: Freundinnen stellen mir beharrlich Fragen, die nur wortreich zu beantworten wären; wollen wissen, wie dieses und jenes ist und ob ich nicht doch telefonieren möchte. Nein, möchte ich nicht, auch wenn ich etwas flüstern kann, aber es tut höllisch weh und gefährdet meine Stimmbänder.

Mein Mann stellt mir wie gewohnt seine täglichen hundert Fragen, wo er dieses und jenes im Haushalt findet. Er könnte natürlich selbst nachsehen, bzw. überlegen, wo es sein könnte, aber er hat sich über die Jahre angewöhnt, mich zu fragen. Normalerweise entfährt mir in solchen Situationen ein genervtes „Bin ich der Herold?!“ [Anm.: das österreichische Telefonbuch & Branchenverzeichnis], was wiederum ihn nervt. Die ersten Tage meiner Stummheit versuchte ich noch aufgebracht zu schnaufen, wenn er die Frage mehrmals wiederholte und dabei lauter wurde, als würde ich ihn nicht hören können. Na, taub bin ich nicht!

Mittlerweile tritt eine Veränderung ein. Ich bin nach wie vor still und mein Mann stellt weniger Fragen – und nimmt es an, dass er mich für solche Kleinigkeiten gar nicht braucht.
Sehr spannend, wie Stille die Kommunikation verändert!
Aus dieser Erfahrung nehme ich für mich mit, dass ich vorher einfach mit zu vielen Worten reagiert habe und er dann ebenso. Wir sind aber auf alle Fälle lernfähig. 🙂

Ebenso spannend, wie sehr wir uns im Bla-Bla des Alltags verlieren und dem so ein großes Gewicht beimessen, dass wir gar nicht ins Nachdenken kommen – lieber reden wir alles tot.
Mir ging es da nicht anders. Wie oft erwarte ich mir auf eigentlich rhetorische Fragen (die ich nicht mal laut zu stellen bräuchte, weil rhetorisch) eine tatsächliche Antwort?!

Mit meinen Freundinnen wird’s wohl länger dauern, bis sie die derzeitige Situation annehmen, aber auch bei diesen zwischenmenschlichen Beziehungen möchte ich etwas mehr Raum für Stille lassen. Denn eines habe ich gelernt in diesen Tagen:

Stille gibt Raum für Gedanken,
Stille gibt Raum für Entfaltung,
Stille gibt Raum für neue Ideen,
Stille gibt Raum für Kreativität,
Stille gibt Raum für Frieden.

Das alte Sprichwort stimmt eben doch: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“

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