Essstörung: So läuft ein krankhafter Essanfall ab

Du isst immer wieder mehr, als dir eigentlich lieb ist und kannst nicht aufhören, bis du die ganze Tafel Schokolade aufgegessen hast?

Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass du an Esssucht leidest.
Es gibt durchaus einen Unterschied zwischen einem gestörten Essverhalten und einer Essstörung.

Die Esssucht, gepaart mit Orthorexie, begleitete mich viele Jahre – mal stärker, mal schwächer ausgeprägt. Sie war mein Ausweg, mit der inneren Leere umzugehen, die ich empfand. Mein Ausweg, mich nicht mit mir selbst auseinandersetzen zu müssen.

Ich habe dir nun einen Auszug aus einem Essanfall samt Essensbeschaffung in einem Aufsatz niedergeschrieben:

(M)Ein Essanfall

Am Anfang war die Leere. Ein schwarzes Loch, größer als unser Universum.

„Das muss doch noch rein gehen“, denke ich mir und stopfe mir eine weitere Rippe von der Caramel-Schokolade in den Schlund. Das Runterschlucken geht nicht mehr ganz so geschmeidig, aber was muss, das muss. „Hm, noch ein paar Chips, dann passt sicher noch eine Rippe von der Erdbeerschokolade rein“, überlege ich halblaut. Der Wechsel von süß auf salzig erleichtert mir das Reinstopfen.

Eigentlich mag ich keine Schokolade und Erbeerschokolade noch viel weniger. Das ist mir auch in diesem Moment bewusst, aber was muss, das muss eben.
Schoko, Chips, Eis, Käse, Kekse und wieder von vorn – zwei, vier, sechs Stunden lang.

„Hör’ bloß nicht auf! Ach, wenn ich doch nur aufhören könnte. Ich kann sowieso nicht aufhören. Ich will nicht aufhören!“ Das Gedankenkarussell dreht und dreht und dreht sich. Im Rausch wird die Leere immer nebensächlicher, was zählt, ist das fast rituelle Essen im Hier und Jetzt – und meine Schuldgefühle: Warum bin ich so ein schlechter Mensch? Warum kann ich mich nicht einfach zusammenreißen?

Diese und ähnliche Sätze sind meine ständigen Begleiter. „Ab morgen wird alles anders. Dann krieg’ ich die Kurve und geh’ auf Diät! Morgen wird alles besser, morgen wird es gut“, ist mein Mantra.

Warum muss das nur immer mir passieren? Ich mache, ich tue, ich bemühe mich ja und trotzdem schaffe ich es nicht. Warum kann ich mich nicht einfach mal zusammenreißen?!…

Aber morgen wird alles anders! Ich esse einen Tag nichts und die nächsten Tage wenig – brav, nach Plan – dann kann ich den Schaden ausgleichen. …

Warum, warum nur?! Ich will doch nur halbwegs gut aussehen! Aber ab morgen wird alles anders. Ab morgen wird alles gut.

Nur bis Mittag muss ich durchhalten. Am Nachmittag wird’s ja eh leichter, dann ist die erste Gier weg. Und dann esse ich ab morgen mindestens zehn Tage lang brav. Nach zehn Tagen wird alles gut.

Aber heute nicht.
Ich schlinge eine weitere Rippe Schokolade runter und während ich noch hastig kaue und die Schokolade mir am Gaumen klebt, hole einen Müllbeutel für die leeren Verpackung um mich herum, um die Beweise meines Versagens vor mir selbst zu verstecken. So, jetzt ist Schluss! Wenn ich ab jetzt nichts mehr esse, dann darf ich morgen um diese Zeit das Fasten brechen und ein Proteinshake mit Kokosöl und Chiasamen trinken, das ist gesund und kurbelt die Fettverbrennung an.

So tigere ich eine Viertelstunde durch die Wohnung, doch die Leere wird wieder mehr und mehr und zieht mich in ihren Bann. Das schwarze Loch braucht Materie.

„Heute ist’s doch eh schon egal, morgen fang’ ich an! Dann habe ich einen klaren Schnitt und esse brav. … Hätte ich doch vorhin gleich mehr eingekauft, dann müsste ich jetzt nicht im Kreis laufen!“

Eine weitere Minute zieht sich in die Unendlichkeit und die Leere wird schwärzer, mächtiger. „Ich muss sowieso den Müll wegbringen. Ich muss runter. Ich brauche Nachschub, ich muss mehr einkaufen.“ Zehn Sekunden verstreichen, die Zeit scheint sich zu dehnen. Nervös blicke ich auf die Uhr. Noch zehn Minuten bis die Läden schließen.

„Nur ein Eis noch. Und saure Apfelringe. Aber keine Gluten! Mein armer Darm – keine Kekse mehr! Und keine Schwedenbomben!“ Eiklar vertrage ich nämlich nicht; Eis und Apfelringe eigentlich auch nicht.

Wie in Trance ziehe ich mir Schuhe und Jacke an, ohne es zu merken und schon bin ich aus der Tür. Den Müllbeutel habe ich pflichtbewusst mitgenommen, auch wenn der Umweg über die Mülltonnen mich wertvolle Sekunden kostet. Wenigstens ist der nächste Supermarkt gleich gegenüber. Mein Herz hämmert in meiner Brust, während ich am Straßenrand nervös auf und ab tänzle, um auch ja keine Lücke im Verkehr zu verpassen.

„Hoffentlich hatte die Kassiererin von heute Nachmittag bereits Dienst-schluss. Die kommentiert sonst sicher wieder meinen Einkauf.“ Suchend blicke ich durch die Ladenfenster, bevor ich die Straßenseite wechsle. Ich atme auf, die Luft ist rein, aber trotz der großen Erleichterung (oder gerade wegen??) wallen meine Schuldgefühle für eine Millisekunde auf. Jetzt heißt es schnell sein, um ihnen keinen Raum zu geben, um nicht von ihnen eingeholt und übermannt zu werden. „Zügig rein in den Supermarkt und noch zügiger wieder nach Hause. Sonst wird die Essenspause zu lange, dann geht nicht mehr so viel rein.“
Die Essenspause ist mein Feind.

Ich bin immer bemüht, meine Einkäufe komplett aufzuessen, um nicht am nächsten Morgen die Reste vor der Nase herumstehen zu haben. Außerdem wirft man Essen nicht weg. „Ab morgen esse ich sowieso brav!“

Hastig dränge ich mich an einem Jugendlichen vorbei in den Supermarkt hinein. Im Stechschritt durchquere ich die Gänge. Ich weiß genau, wohin ich will. „Wenn die blöde Tussi da vorne mir nicht im Weg stehen würde, wäre ich schneller!“ Meine Geduld ist während eines Fresszugs nicht die beste.

Die eine Schokolade, die ich haben wollte, ist auch noch ausverkauft. Nackte Verzweiflung ergreift Besitz von mir, ich bin den Tränen nahe. „Mist, was esse ich jetzt?! Ich brauche diese Sorte Schokolade doch!“ Die unterdrückten Gefühle des Tages manifestieren sich in dieser einen – fehlenden – Tafel. Ich schwanke, schnaube und greife nach gefühlten zigmilliarden Millisekunden nach der nächstbesten Verpackung. „Katzenzungen sind auch in Ordnung. Nicht ganz so gut, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen und ich eben Katzenzungen.“

Mein Einkaufskorb ist bereits gut gefüllt. Ich tröste mich damit, dass die Verpackung der Maisflips so voluminös ist und schreite unbeirrt voran in Richtung Tiefkühlabteilung.
Die Schlange vor der Kassa staut sich zurück bis vors Eisregal. Meine Nervosität steigert sich ins Unermessliche. „Wenn jetzt auch noch kein Bio-Vanilleeis mehr da ist!“ Bio sollte es selbstverständlich schon sein für mich. Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht glauben mag, lege ich sehr viel Wert auf meine Gesundheit.

Meine Gedanken rauschen weiter. „Ich muss mir daheim gleich eine Tablette vom Schilddrüsenmedikament einwerfen, sonst werde ich noch fetter!“ Körperfett ist mein Feind. Je fetter, desto ungesünder wird eine Person von anderen wahrgenommen.
Endlich kommt genug Bewegung in die Schlange, dass ich das Eisregal erreiche. Zufrieden mit mir und der Welt greife ich zum Vanilleeis meiner Wahl und nehme mir – zur Sicherheit – gleich drei 500 Gramm Packungen. Man weiß ja nie!

Während ich weiter in der Schlange stehe, lässt das Eis meine Finger taub werden. Mein Einkaufskorb ist zu voll, um alle Packungen darin verstauen zu können.

Mit fahrigen Bewegungen beginne ich meinen Einkauf aufs Förderband zu wuchten: drei Packungen Maisflips, extra fettarm mit Palmöl – Palmöl vertrage ich schließlich viel besser als Sonnenblumenöl, drei Tafeln Schokolade – eine groß, zwei normal und drei Eis. Mit einer Mischung aus Zufriedenheit und Zweifeln, ob das auch ausreicht, stelle ich fest, wie wenig das für meine Verhältnisse ist. „Hm, hätte ich vielleicht doch noch eine Großpackung Schokoriegel mitnehmen sollen? Nur so zur Sicherheit…“
Der Supermarkt schließt schließlich bald und es gibt nichts Schlimmeres, als von der Quelle abgeschnitten zu sein. „Schrecklich! Wie in der Wüste“, denke ich mit Bildern von einem Musikvideo der E.A.V. im Kopf. Auf die sauren Apfelringe, die ich eigentlich einkaufen wollte, habe ich bei der Aufregung über die ausverkaufte Schokolade längst vergessen.
Ich seufze tief und wische die Maisflips von Förderband zurück in meinen Einkaufskorb, lächle die Dame hinter mir entschuldigend an und tigere zurück zum Süßigkeitenregal.

Da schnappe ich mir die sauren Apfelringe, auf die ich zwar im Moment keine Lust mehr habe, aber das kann sich jeden Augenblick wieder ändern. Eine Vorratspackung Schokoriegel nehme ich ebenfalls mit. Selbstzufrieden klopfe ich mir in Gedanken auf die Schulter. Es sind nämlich keine Nüsse in den Riegeln; ich vertrage keine Nüsse.
Mittlerweile habe ich den Einkaufskorb untergehakt, um beide Hände für Süßigkeiten freizuhaben. „Was, wenn ich später noch Lust auf Schnitten habe?“ Zum Abschluss greife ich noch nach einem Viererpack Schnitten und bin zufrieden mit meiner Auswahl. Ich kann endlich zur Kasse gehen.

Was jetzt zählt ist Schnelligkeit. Ich habe mir im Supermarkt schon viel zu viel Zeit genommen. „Die Hände muss ich mir daheim auch noch waschen, bevor ich endlich wieder essen kann, sonst fange ich mir sicher irgendwelche Bazillen ein.“ Mit zitternden Händen lege ich jetzt wirklich alle Verpackungen aufs Förderband und überlege mir schnell eine Ausrede, falls der Kassierer eine Bemerkung macht. Macht er aber Gott sei Dank nicht: Wenigstens das bleibt mir heute erspart!

Schnell, schnell, schnell – greifen!!

Hastig stopfe ich alles in meinen mitgebrachten Jutebeutel – zumindest alles, was reinpasst – bezahle extra mit Karte, um ein paar Sekunden wett zu machen und eile hinaus in den kühlen Abendhimmel und zurück zu meiner Wohnung.

„Morgen wird bestimmt alles anders, morgen schaffe ich es!“

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