Achtsamkeitsübung „Sich spüren“

Sich spüren ebnet den Weg zu sich selbst. Wenn du dich spürst, kannst du deine Bedürfnisse erkennen und vor allem anerkennen.

Im Alltag fällt das Sich spüren nicht immer leicht – wir hetzen von einem Termin zum anderen, versuchen, möglichst viele Rollen gleichzeitig zu erfüllen und jedem gerecht zu werden. Dass wir damit oft unsere eigenen Grenzen überschreiten und uns zu viel abverlangen, spüren wir erst, wenn unser Körper Symptome zeigt.

Seele und Körper stehen nämlich in direkter Korrelation zueinander: Verkümmert deine Seele – auch für kurze Zeit situationsbedingt – spiegelt dein Körper das. Diesen Zusammenhang nennt man Embodiment.

Übergehst du permanent deine Bedürfnisse und bist du immer gestresst, ist unter anderem die Aktivität deines Immunsystems herabgesetzt und du wirst leichter krank.

Das soll nicht so sein und genau deshalb habe ich dir eine alltagstaugliche Achtsamkeitsübung zusammengestellt, die dir dabei hilft, dich wahrzunehmen.

Sich spüren

Anleitung

⭐️ Setz dich aufrecht hin, schließ‘ deine Augen und lege sanft deine Hände auf deinen Bauch.

⭐️ Atme ruhig ein und aus. Lass deinen Atem in deinen Bauch fließen.

⭐️ Spüre, wie dein Bauch sich mit deinem Atem hebt und senkt.
Spüre, wie deine Kleidung sich an deinen Bauch schmiegt: Sitzt sie fest, oder locker?
Was verändert sich beim Aus- bzw. beim Einatmen?
Fühlst die Temperatur – ist dir warm oder kalt?
Sind manche Hautstellen an deinem Bauch vielleicht wärmer als andere?
Kribbelt, oder juckt es?…
Beschreibe deine Sinneseindrücke für dich so genau wie möglich.

⭐️ Lenke deine Aufmerksamkeit nun in deinen Bauch hinein.
Spüre, wie dein Atem von innen deine Bauchdecke hebt und senkt.
Gurgelt dein Magen oder Darm?
Ist dir innerlich kalt oder warm?
Welche Farbe ordnest du deinem Bauch zu?
Was fühlt sich besonders angenehm an?…
Beschreibe deine Sinneseindrücke wieder bewusst detailliert.

⭐️ Nimm alles achtsam wahr. Alles darf sein, so wie es ist. Bewerte nicht.

⭐️ Spüre allem nach, und wenn du so weit bist, öffne wieder deine Augen und komm‘ zurück ins Außen.

Schreib mir doch, wie die Übung für dich war!

In dieser einen Sekunde bin ich okay

Es gibt Zeiten, in denen es schwer ist, zur Ruhe zu kommen. Es gibt Tage, die mental so beanspruchend sind, dass das Unterbewusstsein zum Schutz am liebsten auf bestimmte Verhaltensmuster zurückgreifen würde.

Solche Verhaltensmuster entwickeln sich über Jahre. Sie sind ein Ventil, um Druck abzulassen und sie machen für einen kurzen Moment alle Probleme vergessen.

Für viele von uns ist ein solches Muster Essen – auch für mich. Während der akuten Zeit meiner Essstörung dachte ich, Essen wäre meine einzige Möglichkeit zu vergessen, mich nicht mehr zu spüren, mich nicht mit meinen Problemen auseinandersetzen zu müssen. Ich stopfte Essen in mein inneres emotionales Loch.

So regelmäßig, wie ich aus emotionalen Gründen aß, so zuverlässig verzweifelt, schuldig und noch mehr gebeutelt fühlte ich mich nach einem Essanfall. Mein emotionales Loch wuchs noch mehr an, anstatt dass es vom Essen gestopft wurde.

Nie wäre ich damals auf die Idee gekommen, einmal in mich hineinzuspüren. Zu spüren, wie es meinem Körper vor dem Fressanfall ging. Ich dachte einzig und allein daran, wie schwer mein Leben wäre, wie ungerecht jemand mit mir umging, wie unwürdig, dumm und schlecht ich sei. Ich steckte fest in der Spirale aus dunklen Gedanken. Blieb in emotional geladenen Situationen des Alltags hängen, wälzte sie hin und her, ließ sie jeden Raum in mir einnehmen. Ich suhlte mich in meinem Elend und wandelte im Jammertal.

Heute habe ich meine Essstörung überwunden. Trotzdem: Wenn ich über einen längerem Zeitraum extremem emotionalem Stress ausgesetzt bin, melden sich diese alten Muster. Es meldet sich der Essensdrang. Das ist das Bedürfnis sich ohne Hunger zu überessen.

Der Unterschied zu damals besteht darin, dass ich dieses Muster jetzt als solches wahrnehme. Ich kann innehalten, in mich hinein spüren und feststellen:

In dieser einen Sekunde bin ich okay.
In diesem einen Moment bin ich in Ordnung.

Es zählt nicht, was vorher passiert ist und was nachher sein könnte. In diesem einen Augenblick tut mir nichts weh, mir fügt niemand ein Leid zu, mir mangelt es an nichts – ich bin okay.

Mentalübung

Halte inne und spüre in dich hinein:

  • Fühlst du einen körperlichen Schmerz und wenn ja, hat er tatsächlich etwas mit deinem seelischen Schmerz zu tun?
  • Wo in deinem Körper sitzt das Gefühl, dass dein altes Muster auszulösen versucht?
  • Beschreibe es so detailliert wie möglich – welche Farbe, Form, Temperatur hat es; ist es groß, klein, locker, fes; wie schwer ist es?
  • Wie verändert es sich durch dein Hinfühlen?

Verweile so einen kurzen Augenblick. Du wirst feststellen, dass deine Situation längst nicht so auswegslos ist, wie du angenommen hast: In dieser einen Sekunde bist du okay.